Praxis für Gestalttherapie
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             Was ich unter "Gestalttherapie" verstehe

     Fritz Wagner, 2015          

   Es gibt verschiedene Vorstellungen von dem, was unter Gestalt- therapie verstanden wird. Mein Verständnis dieser faszinierenden Therapieform wurde grundlegend geprägt von Werner Bock, 
Frank-M. Staemmler und dessen Frau Barbara, bei denen ich im Zentrum für Gestalttherapie in Würzburg gelernt habe. Demnach
ist Gestalttherapie eine Form der Psychotherapie, die im Span- nungsfeld einer unterstützenden und fordernden Ich-Du-Bezie-
hung die Bewusstheit des Klienten von sich fördert. Dies ge- 
schieht im Vertrauen darauf, dass das im persön­lichen Kontakt zwischen Klient und Therapeut erfolgende deutliche Erleben von dem, was ist, die wesentliche Voraussetzung für ganzheitliche menschliche Veränderung ist.

Fritz Perls, der gemeinsam mit seiner Frau Lore und mit Paul Good- man die Gestalttherapie 1951 begründete, hat diese Therapieform beschrieben mit den Worten „I and Thou – Here and Now“ (Ich und
Du – hier und jetzt). In dieser prägnanten Kurzbeschreibung und in 
der vorangegangenen Definition der Gestalttherapie stecken die für
mich wichtigsten Begriffe: Ich-Du-Beziehung, persönlicher Kontakt, Bewusstheit und Prozess.

Die Bereitschaft, mit Klienten im Rahmen der Therapie eine länger- fristige persönliche Beziehung einzugehen, ist Grundlage meiner ge- stalttherapeutischen Haltung, die sich in einem immer wieder erneu- erten Angebot persönlichen Kontakts äußert. Das Wort "persönlich" verweist hier auf eine dialogische Sicht der therapeutischen Bezie- 
hung, in der ich als Therapeut meinem Klienten als in meiner Indi-
vidualität erkennbare Person auf Augenhöhe begegne, und mich be- mühe, den Klienten in seiner Einzigartigkeit und Ganzheit zu verste-
hen und zu bestätigen.

Dabei ist es für mich nicht wichtig, welche `psychische Störung´ 
der Klient hat, ich klassifiziere ihn auch nicht im Sinne traditionel-
ler Diagnostik. Ich interessiere mich viel mehr dafür, womit der Mensch, der mich um Unterstützung bittet, existentiell beschäftigt
ist, womit er in seinem Leben unzufrieden ist, wie er sich verän-
dern möchte, und wie er selbst dazu beiträgt, nicht zu dem zu kommen, was er eigentlich vom Leben möchte. Daraus ergeben
sich die Themen, die in der Therapie bearbeitet werden.

Bei der Arbeit an diesen Themen unterstütze ich den Klienten dabei, seine sich von Moment zu Moment verändernde subjektive Realität
so deutlich wie möglich mit Bewusstheit zu erfahren, denn diese Be- wusstheit ist der wesentliche Wirkfaktor. Das ganzheitliche selbst- verantwortete konsequente Wahrnehmen und Erleben des Klienten
von sich ist wesentliche Voraussetzung für die von ihm erwünschte Veränderung. Bei konsequenter Umsetzung kommen Veränderungs- prozesse in Gang, die in der Regel einem beschreibbaren Muster folgen: der Klient durchlebt ty­pischerweise fünf Phasen, an deren
Ende er die jeweilige Thematik als abgeschlossen empfindet.
                

  
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